Gefühls-Tagebuch - Brief an die Person, die mich verletzt hat - nicht zum Absenden

Geschrieben am 15.06.2026
von Herlinde Ciurlia


Dieser Brief ist nicht für die andere Person.

Er ist für dich.

Du musst ihn nicht verschicken.

Du musst ihn niemandem zeigen.

Du darfst hier ehrlich sein.

Ohne Rücksicht.

Ohne Angst.

Ohne die Sorge, wie jemand reagieren könnte.

Hier geht es nur um deine Gefühle.

Bevor du beginnst

Vielleicht hast du lange geschwiegen.

Vielleicht hast du Dinge heruntergeschluckt.

Vielleicht hast du versucht zu verstehen, zu entschuldigen oder zu erklären.

In diesem Brief musst du nichts beschönigen.

Du darfst die Wahrheit schreiben.

Deine Wahrheit.

Beginne mit:

Liebe(r) ________,

es gibt Dinge, die ich viel zu lange für mich behalten habe.

Heute möchte ich sie aussprechen.

...

Mögliche Fragen für deinen Brief

Was hat mich verletzt?

Welche Worte tun heute noch weh?

Welche Situationen haben Spuren hinterlassen?

Wann habe ich mich nicht gesehen, nicht gehört oder nicht respektiert gefühlt?

Was hätte ich gebraucht?

Was hätte ich mir von dir gewünscht?

Welche Unterstützung hat gefehlt?

Welche Entschuldigung habe ich nie bekommen?

Worüber bin ich wütend?

Was macht mich heute noch traurig oder zornig?

Welche Grenzen wurden überschritten?

Welche Versprechen wurden gebrochen?

Was habe ich zu lange entschuldigt?

Welche Verhaltensweisen habe ich klein geredet?

Wo habe ich gegen mein eigenes Gefühl gehandelt?

Was möchte ich nicht länger tragen?

Welche Last gehört nicht mehr zu mir?

Welche Schuld möchte ich zurückgeben?

Du darfst wütend sein

Viele Menschen glauben, sie müssten Verständnis haben.

Verzeihen.

Loslassen.

Doch manchmal braucht Heilung zuerst Ehrlichkeit.

Du darfst verletzt sein.

Du darfst enttäuscht sein.

Du darfst wütend sein.

Deine Gefühle sind erlaubt.

Es geht nicht um Rache

Dieser Brief soll niemanden bestrafen.

Er soll dir helfen, auszusprechen, was lange in dir festgesteckt hat.

Manchmal beginnt Loslassen damit, die Wahrheit anzuerkennen.

Zum Abschluss

Vielleicht möchtest du schreiben:

"Das war nicht in Ordnung."

"Das habe ich nicht verdient."

"Ich trage das nicht länger mit mir herum."

"Ich entscheide mich heute, wieder auf mich selbst zu achten."

Denke daran

Nicht jede Wunde braucht eine Entschuldigung, um heilen zu können.

Nicht jede Geschichte endet mit Antworten.

Manchmal beginnt Heilung in dem Moment, in dem du aufhörst, deine Gefühle kleinzureden.

Dieser Brief muss nie abgeschickt werden.

Aber vielleicht hilft er dir, einen Teil dessen loszulassen, was du viel zu lange alleine getragen hast.

Und das ist manchmal der erste Schritt zurück zu dir.